Hurra, unser erster Autonom-Bus! Und nun?

Acht Erkenntnisse vom zweiten VDV-Zukunftskongress

In altindustrieller Atmosphäre — dem Palais der alten Kulturbrauerei in Berlin — diskutierte die ÖV-Branche am 22. und 23. Juni über ihre Zukunft, und wie es mit dem autonomen Fahren weitergeht.

1. Das Thema ist ein Thema

Autonomverkehr ist in der Breite der Verkehrsunternehmen angekommen. Die Branche setzt sich ernsthaft damit auseinander, lotet aus und experimentiert. Es bleibt nicht in der Theorie.

2. Gemeinsame Sache

Es gibt mehr Miteinander — innerhalb der Branche und mit Dritten. Selbst die Automobilindustrie sucht Zusammenarbeit mit dem klassischen ÖV: Kooperation statt Konflikt, Arbeitsteilung statt Ablösung. Moia (VW), Hochbahn und Hamburg sind wahrscheinlich das leuchtendste Beispiel. Interessant: Sogar Uber will inzwischen lieber mit als gegen die Etablierten ÖPNV-Player agieren (aber was soll deren Vertreter in einem Saal voll von ÖPNV-Vertretern auch sagen?).

3. Versuch macht klug

Viel zur Beschäftigung mit Autonom-ÖV haben die beiden BMVI-Förderrunden beigetragen. Inzwischen sind es hunderte von eingegangenen Förderanträgen für AV-Projekte. Nächstes Jahr werden wir dann zahlreiche Praxisberichte erleben.

4. Schleichend geht’s voran

Doch die Technik ist weniger ausgereift als die Hochglanzbroschüren und PR-Artikel glauben machen. Kleine Hersteller wie EasyMile, Navya oder Local Motors haben ihre „rollenden Tupperdosen“ noch im Schleicheinsatz. Bis sich die erste Straßenverkehrsbehörde traut, den ersten Straßenpiloten zuzulassen wird, bleibt es bei Event- und Campus-Einsätzen (wie Olli auf dem Euref). Selbst die „Großen“ unter den Vortragenden (Transdev und DB) tun sich mit einem echten Praxiseinsatz schwer. Aber wer weiß, vielleicht werden wir noch von der Dynamik überrascht sein.

5. Die Bahnen sind bereitet

Die Autohersteller kommen nur langsam hinterher, haben aber entsprechend große Entwicklungsbudgets bereitgestellt. Vielleicht ist das ein geeigneter Katalysator (!) für die Entwicklung. Es braucht also noch ein bisschen Zeit.

6. Suche nach dem Sinn

Es braucht Zeit auch für Denk- und Rechenarbeit: So richtig verstanden, was die Branche mit „Olli“ & Co. anfangen soll, scheint sie noch nicht zu haben. Die Einsatzzwecke sind klar: Feeder-Verkehre zu Schnellbahnen, Rufbus-Systeme im Quartiers- oder Landverkehr und Schwarm-Flotten im Tür-zu-Tür-Verkehr. Dabei wird eines deutlich: Ridesharing ist das Thema — die Autonom-Fahrzeuge sind nur das Vehikel dafür. Und damit ergibt sich die verbindende Klammer zum klassischen ÖV-Geschäft: „Wir verkaufen Plätze — nicht Fahrzeuge.“ Im Kern muss es also für Verkehrsbetriebe und Verbünde in diesem Spiel um „Mobilität für alle“ gehen.

6. Probieren geht über Regulieren

Der Proof of Concept des Geschäftsmodells ist dabei noch zu erbringen. Zwar lässt die neue Experimentierklausel im PBefG rechtlich im begrenzten Rahmen erstmals neue Sharing-Verkehre zu. Doch die technischen Möglichkeiten und damit verbundenen Kostenstrukturen erlauben kaum kommerziell funktionierende Business Cases.

7. Fristverlängerung für die Marktredefinition

Es gibt keine Not, nervös zu werden, wenn man noch nicht „im Spiel“ ist. Es bleibt Zeit zum beobachten, von den First Movern zu profitieren, durch Piloten Erfahrungen sammeln und das angehäufte Wissen zu teilen und auszuwerten. Das PBefG bietet dafür den rechten (zeitlichen) Schutzraum, dass Branchenfremde wie Automobilindustrie und Plattformwirtschaft sich das ÖV-Geschäft nicht einfach einheimsen können.

8. Welche Welt wir wollen

Die gewonnene Zeit gilt es nun sinnvoll zu nutzen — für Verstehen und Verständigung: Verkehrsunternehmen, Verbünde, Kommunen und politische Entscheider müssen als nächstes Ausloten, wie im eigenen Einzugsbereich das Zusammenspiel von ÖV, Autoverkehr und neuen Mobilitätsangeboten funktionieren soll — eben wie das Leitbild „Lebenswerte Stadt, lebenswerte Mobilität“ daheim aussehen soll. Und wie viel davon kommunal, wie viel privatwirtschaftlich und wie viel kooperativ erbracht wird. Die Auseinandersetzung mit unserer „Mobilität von morgen“ geht weiter!

Fortsetzung folgt also: Wir sind gespannt auf Zukunftskongress Nummer drei!

Philipp SchuchallMichael Bartnik

https://www.vdv-akademie.de/downloads-archiv-tagungen-und-seminare/2-vdv-zukunftskongress-autonomes-fahren-im-oeffentlichen-verkehr/

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