Innovation mit Tempo 15: Mit Geduld und Spucke zum Autonom-ÖV

Innovation braucht nicht nur Spucke, sondern auch Geduld: Das zeigte der dritte VDV-Zukunftskongress zum Autonom-ÖV am 21./22. Juni in Berlin. Ein Tagungs-Review zum Stand des Themas.

Die Pilotprojekte sprießen aus dem Boden: Zubringer-, Campus- und Werksverkehre – zunächst im Linienverkehr, demnächst auf App-Bestellung (als On-Demand-Angebote), ohne Steward (bei Bedarf per Fernsteuerung aus der Leitstelle), auf Hauptstraßen (wie in der Hamburger Hafencity) oder mit externer Infrastruktur-Ausstattung (zur Verknüpfung von Flotten- und Verkehrsmanagement).

Kinderschuhe auf Rädern

Diskussionen um Verkehrsgeschwindigkeit (15 oder 50 km/h), Sensorik (Stolperstein Grashalm) oder Selbststeuerung (Falschparker umfahren) zeigen die große Streckenlänge bis zur Serienreife auf. Auch wenn die Einschätzungen zur „Gretchenfrage“ nach der Marktdurchdringung mindestens so zahlreich sind, wie die Anzahl der Befragten (zwischen zwei und zwanzig Jahren).

Die deutsche Automobilindustrie geht Schritt für Schritt ihren Weg über die einzelnen SAE-Stufen der Fahrzeugautomatisierung. Ganz nach dem Motto: „Wir bringen erst ein Autonomfahrzeug in Serie, wenn es den Stern verdient hat“. Entsprechend wurden auch auf dem Kongress wieder die Hürden, Grenzen und Fallstricke der Technologie betont. Wenngleich doch die Plattformunternehmen aus dem Silicon Valley schon in den nächsten zwei, drei Jahren große Autonomflotten amerikanischer und asiatischer Hersteller auf die Straße bringen wollen.

Eine Abkürzung, die Zeit braucht

Die deutschen Verkehrsunternehmen haben sich im Angesicht dieser Entwicklungen für den direkten Weg entschieden – ohne Umweg auf die vollautonome SAE-Stufe 5. Easy Mile, Navya oder der Rückzieher Local Motors: Für diesen Pfad ist die Abhängigkeit von den wenigen Herstellern groß. Immerhin hat sich mit e.GO der RHTW Aachen ein interessanter Neuling auf dem Kongress vorgestellt. Mit Paravan von der Schwäbischen Alb und anderen stünden weitere, vielversprechende Partner auf dem Plan. Und so geht die letztjährige Einschätzung vom vorherigen VDV-Zukunftskongress 2017 erstmal in die Verlängerung und gilt wohl weiterhin.

Damit entsteht Zeit, die gewonnen ist, grundlegende Fragestellungen zu beantworten: Wie wollen wir unseren Mobilitätsmix der Zukunft in Stadt und Land gestalten – als Kommune oder Aufgabenträger? Die Land Transport Authority Singapur wurde da am konkretesten: Autonome Stadtreinigung, Lieferwagen-Platooning, Feeder-Busse in den Stadtvierteln zu den Metro-Stationen usw. – die Einsatzzwecke sind bestimmt, eine Vision skizziert, die Roadmap formuliert, konkrete Maßnahmen zur Umsetzung, Entwicklung und Regulierung geplant.

Zeit zur Rollenklärung im kommunalen Mobilitätsmix

Oslo hat dabei den Fokus gesetzt, an dem sich der Mobilitätsmix der Zukunft ausrichten sollte „enabling good live“ – auf uns übertragen: Verkehrs- und Wirtschaftswachstum mit steigender Lebensqualität in Einklang bringen. Diese Logik bringt ganz von selbst eine neue Hierarchie der Mobilitätsangebote mit sich. Diese hat nicht mehr den individuellen und verbrennerbetriebenen Autoverkehr (MIV) an der Spitze. Genauso wie es rechtzeitig vor dem VDV-Zukunftskongress inzwischen selbst der Deutsche Städtetag gefordert hat.

Aus diesem Blickwinkel wird auch wieder deutlich, dass der Autonomverkehr noch keine Mobilitätswende ausmacht: Denn dieser ist nur ein Baustein aus dem Dreiklang „autonom – geteilt – elektrisch“ (oder zumindest umwelt- und klimaverträglich angetrieben). Mit Geduld und Spucke geht dieser weite Weg weiter.

 

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